Mythos Lehrlingsmangel?

Herzlich willkommen zu meinem ersten Blogbeitrag

Ich wage mich gleich aus dem Fenster und stelle eine Frage: Ist der Lehrlingsmangel ein Mythos?

Seit 1994, also seit 20 Jahren, tausche ich mich mit Ausbildungsleitern und Personalverantwortlichen in der Schweiz und Deutschland zum Thema Lehrstellenbesetzung aus. Meine Feststellung: Fast alle Firmen, welche die Ausbildung von Lernenden nachhaltig betreiben und die Schüler „richtig“ informieren, besetzten in den letzten Jahren und auch in der aktuellen Zeit, wo bis zu 8000 Lehrstellen unbesetzt sind, alle Lehrstellen – bis auf wenige Ausnahmen.

Zur selben Feststellung kommt die Studie von Dr. Prof. Margrit Stamm „Dossier Berufsbildung, 13/2“, welche hier zum Download bereit steht:
http://www.margritstamm.ch/component/docman/doc_download/223-dossier-lehrlingsmangel-2013.html?Itemid=.

Nur allzu oft höre ich das Klagen der Berufsbildner und HR Abteilungen über die tugendlose und schlecht ausgebildeten Schüler, mangelnde Unterstützung der Lehrer und der Eltern. Aber das Klagen nützt meiner Meinung nach nichts, denn
– Die Jugend ändern wir nicht
– Den Zeitgeist nicht
– Die allfälligen Mankos der Schulbildung nicht und
– jene der Erziehung (Familie) schon gar nicht

Wer also Erfolg haben will, dem bleibt nur eines: Hilf dir selbst…. In der Firma kompetenteste Personalverantwortliche und Berufsbildner zu haben und nachhaltig eine Kultur zu entwickeln, die zum Einstellungs- und Ausbildungserfolg führt.

In allen Firmen machen die Menschen den grossen Unterschied. Bei der Ausbildung von Jugendlichen ist das entscheidend. Genauso, wie ein Fussballspieler in einen Team die Reservebank drückt, so wächst er im anderen zum Leistungsträger heran. Warum? Vielleicht, weil er vom Trainer anders aufgenommen, motiviert und gefördert wird?
Vielleicht weil er von den Mitspielern eine andere Anerkennung bekommt und mit diesen besser zusammenspielt? Mit Geld alleine und extrinsischen Anreizen lässt sich jedenfalls keine Leistung erkaufen. Weder bei Sportlern noch bei Lernenden….

Wir treffen in vielen Unternehmen auf Berufsbildner – egal in welchen Branchen – welche die Ausbildungsplätze gut füllen und auch aus sogenannten „B und C Kandidaten“ sehr gute Lernende machen. An diesen sollten wir alle uns konsequent orientieren, denn wer dies als Firma nicht schafft, wird kurz- und langfristig substanziell leiden. Zur Leistungsentwicklung und damit zur Förderung der Generation Z (Jg. 95 – 2010)  zählen Verantwortung, Feedback-Kultur, menschlicher Bezug und Verbindlichkeit mehr denn je. Hierzu findet man viele Studien und Erkenntnisse weltweit.
Es ist leider wenig erstaunlich, dass viele Berufsbildner sich beklagen, denn genau diese Fähigkeiten und diese Denkweisen besitzen sie oftmals selber leider nicht und tun sich deshalb in der Findung der Lehrlinge wie in der Ausbildung sehr schwer.

Mein Aufruf geht in folgende Richtung: Wir brauchen fähigste Berufsbildner wie noch nie und wir brauchen deren Anerkennung! Sie sind es, die zum grossen Teil die Rekrutierung verantworten und sich dann mit den Jugendlichen auseinandersetzen müssen. Aber wie werden Sie in den Firmen intern unterstützt? Bekommen Sie die nötige Anerkennung, den Handlungsspielraum und damit verbunden auch eine Budgetverantwortung für Ihre Aufgaben?

In den oben erwähnten, erfolgreichen Betrieben ist dies fast ausnahmslos so und
darauf baut sich die Nachhaltigkeit und der Erfolg auf. Es freute mich daher sehr zu hören, dass auch Berufsverband für Berufsbildner am entstehen ist http://berufsbildnerverband.ch/. Ein grossartiger Schritt in die Anerkennung und fachliche Weiterbildung der Kompetenzen der wichtigsten Leute in der Nachwuchssicherung dieses Landes und für das duale Bildungssystem. Vielleicht ist dies das schwächste Glied in der Kette, welches den Lehrlingsmangel schneller als gedacht verändern könnte?

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6 Gedanken zu “Mythos Lehrlingsmangel?

  1. Ciao Urs
    Danke für den interessanten Bericht – well done! 😉 Dein Bericht bezieht sich primär um den Berufsbildner; resp. auch Praxisbildner genannt.
    Ich würde den Zeitpunkt der Rekrutierung von Lernenden ansprechen. Von meiner Wahrnehmung aus ist dieser viel zu früh! Die Schüler sind zu diesem Zeitpunkt Ende zweite Oberstufe; sprich anfangs dritte Oberstufe! Das ist viel zu früh. In den 90er Jahren gab’s das „Gentleman’s Agreement“ – zu gut DE: „Absprache unter Ehrenleute“ – wo die Selektion für Lernende erst per 1. November statt fand. Und auch dieser Zeitpunkt empfinde ich als verfrüht. Weil etliche Schüler, die anfangs dritte Oberstufe bereits einen Lernenden-Vertrag in der Hand halten, kein grosses Engagement im letzten Unterrichtsjahr mehr anstreben wollen und auch müssen. Selbstverständlich gibt es auch immer noch viele Ausnahmen, die weiterhin dem Unterricht folgen und sich engagieren.
    Von meiner Optik aus der richtige Zeitpunkt wäre nach den Prüfungstagen zur Maturaaufnahme – ca. März/April. Die Schüler wären reifer, der Unterricht würde weiterhin interessant gestaltet bleiben, da die Noten des Wintersemester (1. Semester dritte Oberstufe) für die Lernenden-Selektion mitzählen und die Unternehmen können sich auf einen Rekrutierungstermin konzentrieren – ohne Nachrekrutierung aufgrund der Absagen von Schülern, welche die Gymi-Aufnahme Prüfung bestanden haben und sich dafür entscheiden.
    Lg, Gianni

  2. Hallo Urs,
    ganz toll geschrieben dein Bericht! Wir beschäftigen zur Zeit eine Familienpraktikantin die auf der suche nach einer Lehrstelle ist. Wie zum teil mit den Jugendlichen Umgegangen wird. Mh, naja würde ich jetzt nicht gerade Vorbildlich nennen. 🙂 Toll setzt du dich für sie ein! Gutes Gelingen! Lieber Gruss Fabienne

  3. Spannender Nachtrag einer engagierten Mutter, Supporterin und Familienfrau:

    Den Bericht finde ich sehr interessant und gehe in vielen Aussagen einig:

    Zitat: „Nur allzu oft höre ich das Klagen der Berufsbildner und HR Abteilungen über die tugendlose und schlecht ausgebildeten Schüler, mangelnde Unterstützung der Lehrer und der Eltern.“

    Zu dieser Aussage kann ich für mich/uns persönlich sprechen: Wir -als Eltern von nun 19, 18 und bald 17 Jährigen- haben unsere Teen’s jederzeit in der Zeit der Findung ihrer Berufe oder Berufswünsche begleitet und unterstützt und sind ihnen beratend zur Seite gestanden.

    Auch die Oberstufenschule, welche sie besuchten, hatte eigens ab der 7. Klasse mit dem Thema ‚Berufswahl‘ und dem Material ‚Berufswahl als Familienprojekt‘ angefangen die Schüler zu informieren und auf die Berufswahl
    vorzubereiten.
    Gefolgt mit einem 1-wöchigem Berufspraktikum, welches die Schüler selber organisierten – bei einer Firma oder Verschiedenen. Das Lehrerkollegium hat auch mit dem zust. Berufsberatungszentrum BIZ vor Ort einen Informationsanlass
    für die Schüler und einen separaten Anlass für die Eltern organisiert.

    Was ich zu den ‚tugendlosen‘ Schülern sagen kann, ist, dass sie die Berufswahl erst spielerisch in einem ‚geschützten Raum‘ (=Klasse) angehen oder sehen und je näher der Austritt aus der obl. Schulpflicht kommt, wird ihnen der ‚Ernst‘ der Lage erst bewusst…
    …und da ist ja bekanntlich noch die Pubertät, die hineinspielt.

    „Aber das Klagen nützt meiner Meinung nach nichts, denn
    – Die Jugend ändern wir nicht
    – Den Zeitgeist nicht
    – Die allfälligen Mankos der Schulbildung nicht und
    – jene der Erziehung (Familie) schon gar nicht
    Wer also Erfolg haben will, dem bleibt nur eines: Hilf dir selbst…. In der Firma kompetenteste Personalverantwortliche und Berufsbildner zu haben und nachhaltig eine Kultur zu entwickeln, die zum Einstellungs- und Ausbildungserfolg führt. In allen Firmen machen die Menschen den grossen Unterschied. Bei der Ausbildung von Jugendlichen ist das entscheidend.“

    Da gehe ich mit dem Schreiber einig…Sicher es gibt noch viel zu tun; es gibt noch Defizite und alles hat Verbesserungspotenzial…

    Als unser ältester Sohn seine Lehre anfing, hat er ein 6-seitiges Dossier zur Information ‚Verantwortlichkeit sowie Pflichten der Berufsbildner /Mitarbeiter mit Ausbildungsfunktion MmA’s‘ für ihn und uns erhalten zu u.a. folgenden Themen:

    – Grundsätze der Lernenden – Ehrensache

    Dort stand z.B. Zitat: „You can get it, if you really want!“ Die Grundsätze der Lernenden sind nicht reglementiert, sondern sie entstehen aus innerer Freude an der Arbeit und der Ausbildung und müssen vorgelebt werden. Mit Akzeptanz und Kooperation sowie der vollen Unterstützung von allen Berufsbildnern und MmA, können Grundsätze verwirklicht werden.“

    – Zuständigkeiten im Lehrbetrieb (Namensliste; wer für was zuständig ist)

    – Pflichten der Berufsbildner und MmA

    Stand u.a. Zitat: “ Lernende sind in der Regel unmündig: Wir haben neben unserem Auftrag zur Fachausbildung, auch einen Erziehungsauftrag. (….)“ weiter Zitat: “ Was erwartet ein Jugendlicher von seinem Berufsbildner:
    – Auch mal zu einem Spass aufgelegt sein
    – Nicht zu stur sein
    – Auch mal loben
    – Ich sollte zu ihm Vertrauen haben können
    – Er sollte nicht immer gleich laut werden
    – Verständnis haben, wenn ich etwas nicht gleich begreife
    – Geduld haben
    – Fachlich auf der Höhe sein
    – Streng aber gerecht sein (…)“

    – Spezielle Aufgaben der Berufsbildner und Mma

    Dieses Dossier war klar in der Aussage und war gerade für uns Eltern während der Grundbildung sehr hilfreich, da wir nicht persönlich (nicht in jedem Fall) mit den zust. Personen zu tun hatten.

    Zitat aus Blog: „Mein Aufruf geht in folgende Richtung: Wir brauchen fähigste Berufsbildner wie noch nie und wir brauchen deren Anerkennung! Sie sind es, die zum grossen Teil die Rekrutierung verantworten und sich dann mit den Jugendlichen auseinandersetzen müssen. Aber wie werden Sie in den Firmen intern unterstützt? Bekommen Sie die nötige Anerkennung, den Handlungsspielraum und damit verbunden auch eine Budgetverantwortung für Ihre Aufgaben?“

    In diesem Fall haben wir gesehen, dass die BB voll engagiert sind und sich mit den Jugendlichen /Lernenden -und auch deren Eltern- konstruktiv auseineandersetzen wollen…

    Dass es auch anders gehen, kann; haben wir im Fall von unserer Tochter Lara gesehen (E-Mail v. 06.07./ 15:48) …. Dort lief die Auseinandersetzung kommunikativ mit den Lerenden unter einem strafferen ‚Regime’…

    Ich sehe das auch voll so und bin davon überzeugt, damit es fachlich kompetente Berufsleute geben kann, braucht es fähige Berufsbildner, die in ihren Aufgaben anerkannt und unterstützt werden…!

    Das wusste ich bis heute auch nicht, dass es einen Berufsbildnerverband gibt….

    Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben, um meinen Exkurs über den Bericht ‚Mythos Lehrlingsmangel?‘ zu lesen…

    S. S.-C. – Mutter und Familienfrau (‚Supporterin‘)

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